Absichtlich asynchron

Was uns an Tanz am meisten fasziniert, ist oft die perfekte Synchronität, mit der die Tänzerinnen auf der Bühne exakt dieselben Bewegungen zur selben Zeit ausführen. Wir sind beeindruckt, wie alle sich dem Rhythmus anpassen und für uns aussehen wie ein Ganzes. Wer das schafft, der hat es weit gebracht im Tanz. Wer nicht, der muss noch üben oder sollte es ganz lassen – denken wir. In dem Fall hätten die Tänzerinnen der SMTT-Gruppen von Monika Heber-Knobloch noch viele Proben vor sich. Beim Tanztheater „zeit.punkt“ läuft nämlich wenig komplett synchron – und das mit Absicht. Wenn alle dasselbe tanzen, fällt erst eine Tänzerin aus der Gesamtheit heraus und bewegt sich so, wie der Rest bereits vor 10 Sekunden. Eine zweite hält auch nicht mit, und während sie noch die falschen Bewegungen wiederholt, ist die andere schon auf den Boden gefallen.

Was auf den ersten Blick wie ungewolltes Chaos wirkt, ist in Wirklichkeit der choreografische Ausdruck eines Hamsterrads, in dem nie alle mithalten können. Routine ist eines der Themen, mit denen sich die Tanzpädagogin Monika Heber-Knobloch, ihre „Tanzwerkstatt“ und die junge Gruppe „ANDAS Modern Dance Art“ in ihren Choreografien auseinandersetzen. Ein anderes Beispiel: „Wir behandeln auch verschiedene Lebenskonzepte und die Art und Weise, wie die Menschen sie umsetzen“, erklärt Heber-Knobloch, „Manche ziehen alles schnell durch. Andere brauchen länger, treffen vielleicht Fehlentscheidungen und gehen Umwege. Das Thema setzen wir in einer Kreischoreografie um, in der jeder schnell mitrennen muss, während eine Tänzerin in der Mitte gegen die Musik tanzt“.

„Die Stücke zeigen eigentlich auch unser Ich“

Die Choreografien denkt die Leiterin der Gruppen sich nicht alleine aus. ANDAS-Tänzerin Olivia Possart erklärt: „Moni bringt ein Thema ein und wir improvisieren dann dazu und erarbeiten uns so ein eigenes Bewegungsmaterial. Wir überlegen, wie wir die Elemente aneinanderhängen können – und dann probieren wir einfach aus und entscheiden gemeinsam.“ So würden die Choreografien in einem langen Prozess entstehen: „Vor einem halben Jahr sahen viele Stücke noch ganz anders aus als jetzt“, so Possart. Das Spannende sei für sie, dass sie sich dabei stark mit sich selbst und ihrer Einstellung zu Themen wie Routine oder auch Neuanfang auseinandersetze. Dadurch bekäme der Tanz eine ganz individuelle Note: „Die Stücke zeigen eigentlich auch unser Ich.“

„Unglaublich, was da entsteht“

Nicht nur bei der Improvisation haben sich die Tänzerinnen mit den Themen rund um die Zeit auseinandergesetzt: Ein Jahr lang hatten sie immer wieder Schreibworkshops bei Annette von der Mülbe, in denen es genau darum ging. Die studierte Drehbuchautorin nutzte Methoden aus der Creative Writing-Pädagogik, um die ersten Schreibblockaden bei den Tänzerinnen zu lösen und sie zu motivieren, sich auf die Themen einzulassen. „Wichtig ist, dass sie sich fallen lassen und sich nicht fragen, was die anderen von ihnen denken, wenn sie persönliche Gedanken von sich preisgeben“, erklärt von der Mülbe. Das Ergebnis: persönliche Briefe, die die Tänzerinnen selbst eingesprochen und aufgenommen haben, um sie in das Tanztheater zu integrieren. Zum Teil werden die Texte am Anfang oder in der Pause eines Stückes abgespielt, um die Themen der Choreografien zu unterstreichen und verständlicher zu machen. „Zu zwei Texten tanzen wir aber auch“, sagt Possart. Monika Heber-Knobloch ist vom Ergebnis der Schreibworkshops begeistert: „Unglaublich, was da entsteht. Das hätte ich nie geglaubt!“

Text: Leonie Rothacker; Video / Bilder: Marc Hugger