Zwischen freilaufenden Gänsen und blutrotem Schnee

„Auch eine einst kleine und bescheidene Stadt wie Sindelfingen hat viel in ihrer Geschichte erlebt. Einiges davon ist beispielhaft und typisch für vergangene Zeiten gewesen, hat das Leben der Menschen geprägt und sollte eigentlich nicht vergessen werden. Manches Interessante ist aber vergessen worden. Darum haben wir von der Initiative Kultur am Stift Künstlerinnen und Künstler gebeten, in einem Kunstwerk auf diese vergessenen Bedeutungen hinzuweisen.“ – Klaus Philippscheck

Um den Marktbrunnen springen die Hühner und die Gänse frei herum, überall Hunde, Katzen und Tauben. Im Eckhaus gegenüber ist die Wirtschaft Lichtenstein, das Nachbarhaus ist die Wirtschaft Rössle. Dazwischen auf der Straße die Bauern mit ihren Heuwagen, die sich durch die Meute drängen. Ein Stück den Weg runter ist das Restaurant Drei Mohren; davor rechts eine Schnapswirtschaft vom Bäcker Summ, in der die Männer sind, die sich einen Restaurantbesuch nicht leisten können, aber abends weggehen wollen. Vielleicht, weil ihre Frauen ihnen auf den Geist gehen. Sie besaufen sich mit Schnaps, den der Bäcker selbst gebrannt hat.

So oder so ähnlich hat es sich in den 60er Jahren in Sindelfingen abgespielt, schildert Klaus Philippscheck eindrucksvoll. Er kennt sich bestens aus mit der Geschichte seiner Heimatstadt aus und weiß allerlei eindrucksvolle Geschichten zu erzählen: „Eine Frau hat mir einmal erzählt, ihr Vater hat in dem Haus gegenüber von den Drei Mohren gewohnt. Im Nachbarhaus hat eine alte Frau gelebt und der Vater hat dann immer geschrien: ‚Die alte Drecksau! Da schmeißt die wieder ihre Scheiße morgens direkt auf’d Straß’ runter! Samal wo simmer denn hier!’ Das sind noch die Verhältnisse gewesen. Den Pisspot und den Scheißhafen ausgeleert, auf der Straße haben zwar die Kinder gespielt, aber die mussten das halt aushalten. In der Küche hat’s ja auch keine Abläufe gehabt, da hast du in der Wand ein Loch gehabt und aus deiner Spüle ist das direkt durch die Wand runtergelaufen auf die Straße. ‚Ach, beim Nachbarn gibt’s wieder Spätzle’, haben sie gesagt, das hast du auf der Straße liegen sehen. Und wenn der Metzger bei den Drei Mohren geschlachtet hat, dann war im Winter der Schnee auf der Langen Gasse rot von dem Blut der Schweine und der Kühe.“

Für uns ist die Vorstellung von den Zuständen in jener Zeit sicher ekelhaft. Philippscheck dagegen stört sich daran nicht, sondern will mit seinen Geschichten die Leute für vergangene Zeiten begeistern. Nicht nur das: Mit den Poetischen Orten hat er mit der Initiative Kultur am Stift eine Möglichkeit gefunden, vergessene Orte und deren Geschichten wieder in das Bewusstsein der Menschen zu rücken. „Unser Ansatz ist, an diese vergessenen Zeiten zu erinnern, an das, was die Städte und die Menschen geprägt hat. Und das nicht, indem wir da ein Schild hinstellen, auf dem ein paar historische Daten stehen. Sondern indem wir zu einem Künstler gehen und fragen: ‚Kannst du dir vorstellen, dass du mit einem Kunstwerk auf dieses Thema reagierst?‘ Und dann stellen wir dort das Kunstwerk hin, damit es die Menschen an die ehemalige Bedeutung des Ortes erinnert.“

Ein fünfter Ort soll im Biennale-Sommer 2017 dazukommen: Der Bauerngarten nahe der Martinskirche, gelegen zwischen dem alten Chorherrenhaus und der Apotheke. „Das war ein großer Bauernhof mit ungeheuer viel Besitz, der die Pfründe eines Chorherren gewesen ist“, erzählt Philippscheck, „Um die Martinskirche herum war ja früher ein Kloster, und die Chorherren dieses Stifts waren sehr reiche und sehr gebildete Leute, die in Bologna, Paris oder Padua studiert hatten. Wenn man die binden wollte an dieses Stift, weil man in der Stadt ihre Fähigkeiten nutzen wollte, dann haben sie eine Pfründe bekommen, also einen Hof wie diesen. Die Einkünfte, die dieser Hof hatte durch die Ernte und den Verkauf, hat der Chorherr gekriegt. Je höher die waren, desto eher ist er dortgeblieben – das ist nicht anders als mit den Fußballspielern heute. Das Sindelfinger Stift ist ein sehr reiches Stift gewesen, das seinen Chorherren erhebliche Pfründe anbieten konnte.“

Auch an diesem Poetischen Ort soll ein Kunstwerk zukünftig die Passanten an das Sindelfingen der Vergangenheit erinnern. Denn: Der Bauernhof wurde bis in die 60er Jahre hinein noch bewirtschaftet und war Teil der historischen Szenerie von freilaufenden Tieren und Bauern auf Heuwagen, bevor er aus dem Gedächtnis der Sindelfinger verschwand.

Text: Leonie Rothacker; Videos: Timo Mäule, Rosaly Mäule, Fabian Süberkrüb